„Operation Kustenbraten“ – ZdL 2019, Teil 2

(Dies ist Teil 2 der Zusammenfassung des Zeit der Legenden 2019. Teil 1 kannst Du hier nachlesen)

Eine Waffe, von unserem Gott Tyr gegeben. Eine Waffe, den Hexer zu vernichten. In unseren Köpfen ist kein Raum für Zweifel. Es darf kein Raum für Zweifel sein. 

Wenn wir zögern, wenn wir wankelmütig werden, auch nur einer oder eine Einzige von uns, könnte es scheitern, sagt unser Fürstbischof Ramius. Und Herr Ramius spricht mit Herrn Tyr, er muss es wissen.

Wir haben die Gebeine unserer Heiligen dabei. Wieder haben es die Drachen für richtig gehalten, sie mit uns hierher zu holen. Diesmal ist nicht nur der Schädel Arnulf Berengars mitgereist – nein, auch seine Knochen, die Tuchfetzen und Fingerknochen und Haare anderer Heiliger. Der Reliquienwagen soll uns aufs Schlachtfeld begleiten, sagt Herr Ramius. Er wird uns einen starken Geist geben, wir werden nicht wanken. Wir werden den Hexer nicht fürchten.

Immer noch zieht er, der Hexer, durch das Lager. Niemand wagt es, ihn aufzuhalten. Oftmals hat er Aurora an seinem Arm, spricht liebevoll mit ihr. Sie ist wieder bei ihm, ihr Ausbruch war nur von kurzer Dauer. Ihr Blick ist leer. Manchmal hält sie inne, als suche sie etwas. Sie sucht die Wahrheit, sagt der graue Priester. Sie sucht Freiheit, sagen die Blauen, deren Amulett sie im letzten Jahr erhielt. 

Warum hält ihn niemand auf? Als er Aurora, wenn auch nur kurz, verloren hatte, konnten wir doch sehen, dass er verwundbar ist! Die Menschen in Elitawana scheinen es nicht mehr zu glauben. Verzweifeln sie? Und auch die Bemühungen der Reisenden zerfasern … einige versuchen, den Priesterinnen und Priestern zu helfen und haben damit auch Erfolg. Aber was macht das aus im Kampf gegen diesen übermächtigen Feind! 

Begegnung mit Fuchs

Während ich noch darüber grüble, kommen drei Frauen ins Lager der Krakanter. Sie sind auf der Suche nach einer Heilerin. Ich soll eine Operation durchführen, bitten sie. Eine Operation am offenen Herzen.

Machen sie Witze? Offensichtlich nicht. Und so kommt es, dass ich unter weißen, elfischen Tüchern, begleitet von magischem Gesang, eine Frau operiere, die eigentlich ein Fuchs ist … (wer die Geschichte im Detail lesen möchte: Hier steht sie).

So sehr mich das Erlebnis aufwühlt – es muss weitergehen. Doch wie? Herr Ramius gebietet uns, geduldig zu sein. Ich habe das Gefühl, es läuft uns die Zeit davon.

Tollkühn und Fuchs kommen einige Stunden später, um sich zu bedanken. Sie haben ein Geschenk für Birke und mich, vor allem aber haben sie Informationen: Sie besitzen den Text zu dem alten Wiegenlied, das Auroras Mutter, ihre echte Mutter, ihr immer sang. Die Melodie haben wir schon lange, jetzt auch den Text. Sie schreiben ihn uns auf, und gemeinsam mit Björn beginnen wir, das Lied zu üben. Wenn es Aurora ablenkt, den Hexer ablenkt, vielleicht nur für einen kurzen Moment – dann könnte das der Moment sein, in dem wir zuschlagen können mit unserer Waffe, mit unserem heiligen Feuer! Herr Ramius gebietet uns, am Lied zu arbeiten, während er weiter betet und um Unterstützung für unseren Plan bittet, Tyrs heiligen Zorn uns zur Unterstützung anruft, auf dass er sich in heiliges Feuer verwandeln möge …

Die Geburt des Zwillings

Und während wir uns an vielen verschiedenen Stellen abmühen, raubt der Hexer den Hofburschen des Tempels, Jorden. Gestern hatte ich noch mit ihm gesprochen, ein guter, braver Junge, wenn auch etwas simpel. Der Hexer nimmt ihn einfach mit. Ein Gefäß ist er für ihn, ein wertloser Geist in einem kostbaren Körper – und tatsächlich gelingt es ihm, in dem Jungen den Bruder Auroras zu erschaffen. Nun hat er nicht mehr nur ein Kind, nun hat er zwei. Die lichte und die dunkle Seite, Aurora und Jorden, Schwester und Bruder, seine zwei Kinder. Wir sind verzweifelt – werden wir ihn nun noch besiegen können?

Fotofänger
(c) Fotofänger

Doch Herr Ramius lässt uns nicht verzweifeln. Ein weiteres Mal gehen wir durch alle Lager, in die Burg, in den Wald. Diesmal nehmen wir nicht nur den Reliquienwagen mit. Diesmal nehmen wir auch die geweihte Waffe, die Herr Tyr selbst in seiner großen Herrlichkeit unserem Herrn Ramius geschenkt hat. Wir zeigen sie allen und singen und beten um Tyrs Segen für unser Unterfangen. Eine heilige Waffe – ein FLAMMENWERFER. Tyrs Zorn selbst wird herabfallen vom Himmel wie flüssiges Feuer, wird sich über den Hexer ergießen, und er wird BRENNEN! Wir sind uns sicher. Es gibt keine Zweifel. 

Keine? Als wir im Wald stehen, dreht Björn plötzlich durch. Unser Björn, mein guter Freund Björn, der sanftmütige Björn fällt über Herrn Ramius her! Wir ringen ihn zu Boden. Während unser gütiger Herr Ramius auf ihn einredet, ist mein Dolch gezückt … Kindheitserinnerungen werden wach. Ich kämpfe sie zurück in den Schatten, aus dem sie kamen. Björn beruhigt sich.

Das ist es, was er tut, der Hexer. Er stiftet Unfrieden und Zwietracht. Er zerreißt Völker. Er entreißt Säuglinge ihren Müttern und Söhne ihren Vätern. Er spaltet Stämme und Familien. Das dürfen wir nicht zulassen. Wir müssen ihm Einhalt gebieten. Tyr wird uns schützen und stärken, wir werden ihn aufhalten! Wir sind Krakant, wir werden der Schild sein, der sich vor die Schwachen stellt, und das heilige Feuer unseres Herrn wird den Hexer vernichten!

Wir gehen durch die Lager und verkünden es allen. Unglaube begegnet uns, manchmal Hohn. Es macht uns nichts aus. Wir werden nicht wankelmütig.

Göttliches Feuer

Wir stehen auf dem Schlachtfeld. Es gibt nun keinen Zweifel mehr. Björn und ich singen. Wir fordern andere auf, mitzusingen, und sie tun es. Singen, summen, manche mit, manche ohne Text. Viele Stimmen erheben sich. Alle singen gemeinsam. Herr Ramius steht mit dem Wagen auf dem Schlachtfeld. Unsere Soldaten, allen voran unser Leutnant Konrad, stehen wie ein Mann. Alle unsere Reliquien sind bei uns. Wir beten. Wir singen. Es ist kein Raum für Zweifel. Unser Glaube ist unerschütterlich. Der Hexer wird brennen.

Isidor, unser Soldat Isidor hält ihn: Den Flammenwerfer. Die Waffe göttlichen Zorns. Herr Tyr selbst wird uns das Feuer dafür geben. Isidors Fäuste umklammern die göttliche Waffe. Tyr wird seinen Waffenarm stärken und ihn nicht wanken lassen. Isidor wird nicht zurückweichen. Ich sehe es in seinen Augen.

Am Rande höre ich mehr als ich es sehe, dass das Eisportal geöffnet wird. Der Eisgolem schreitet heraus und greift an. Wir wissen, dass er einen der Seelensplitter Auroras besitzt, den zweiten. Den ersten hat damals unser Herr Konrad dem Bullen entrissen. Sollen wir uns nun dem Eisgolem zuwenden? Unser Feuer wäre gewiss eine mächtige Waffe gegen ein Eiswesen. Aber Herr

Originalfoto (c) Nabil Hanano

Ramius hält uns zurück. Nein. Wir überlassen den Eisläufer anderen. Unser Feuer ist nur für IHN bestimmt, für den Blender, den Täuscher, den Hexer. Wir sammeln unsere Stärke, unseren Glauben. 
Das Eiswesen fällt. Der Splitter wird ihm entrissen. Doch ich kann es nicht feiern, ich singe – und da sehe ich sie: Aurora. Der Hexer ist bei ihr, und auch sein neu erschaffener Sohn. Sie wollen in den Eiszirkel eintreten. Das müssen wir verhindern! Unsere Soldaten nähern sich dem Hexer von hinten. Sie anderen Lager wissen bescheid, sie sind alle eingeweiht. Sie glauben vielleicht nicht, dass wir etwas ausrichten können – aber jetzt wollen sie doch sehen, was wir tun. Sie lassen uns durch, niemand versucht, uns aufzuhalten. Wir singen. Wir singen immer lauter. Bajuschki Baju! Da! Aurora bleibt stehen! Sie wendet sich zu uns. 

Und dann dreht sich auch der Hexer um. Ich kann es nicht sehen, denn er ist umringt von unseren Soldaten. Doch – da! Er brennt.

Der Hexer brennt. 

Ein Jubel tost über das Schlachtfeld aus Hunderten von Kehlen. Er brennt! Er blutet! Er geht zu Boden!

Ich will es genießen, es mir ansehen, doch jemand zerrt an mir. „Wir müssen singen! Aurora ist unbewacht, das ist der Moment!“
Ich stürze zu ihr hin, da steht sie, im Eiszirkel, Jorden ist bei ihr. Sie schwankt, schaut sich um, als träume sie. Wir singen. Die Rufe werden immer lauter. Wir singen.

„Nicht lauter, ihr Narren“, denke ich. „Leiser. Das war ihr Wiegenlied“. Ihre Mutter sang es für sie, bevor sie starb. Dies ist die Stimme Deiner Mutter, Aurora. Dies ist Mutterliebe. Nicht das perverse, dunkle Spiel, das der Hexer mit Dir treibt. Glaub mir. Bitte glaub mir. Jorden hebt die Arme, tritt aus dem Kreis heraus … und geht an uns vorbei. Er beachtet uns gar nicht. 

Aurora schwankt. Sie geht einen Schritt auf uns zu. Wir singen.

Doch hinter uns, während wir singen, während wir es nicht sehen können, geht Jorden zu seinem Vater und schenkt ihm seine Lebenskraft. Der Hexer steht auf. Er nimmt die Flammen, UNSERE Flammen – und schleudert sie auf uns zurück.

Der Hexer geht an mir vorbei, so nah, dass ich sein Gewand im Gras rascheln höre. Er nimmt Auroras Hand und führt sie davon. Es ist vorbei.

Wir haben verloren. Wir haben wieder verloren.

Ich komme wieder zu mir, als Herr Ramius seine Hand auf meine Schulter legt. „Waren wir nicht stark genug?“ frage ich unter Tränen. „War unser Glaube nicht stark genug?“ Herr Ramius tröstet uns. „Unser Glaube war stark. Tyr schenkte uns Feuer. Und auch, wenn wir nicht gesiegt haben: Der Hexer hat gebrannt. Er hat geblutet. Alle haben es gesehen. Ganz Elitawana weiß nun, dass er sterblich ist.“

Er hat gebrannt. Wir haben es alle gesehen. Brenne, Hexer. Brenne lichterloh.

Originalfoto (c) Nabil Hanano

 

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