Das Herz eines Fuchses

(dies ist ein Side-Plot des ZdL 2019. Du kannst die Zusammenfassung ZdL insgesamt hier lesen: Teil 1, Teil 2)

Während ich noch grübelte, wie wir Aurora dem Hexer entreißen könnten, geschah etwas für mich persönlich bedeutsames: Drei Frauen ließen im Lager nach mir fragen. Sie trugen klingende Namen … Tollkühn, Achtsam und … Fuchs? Sirka, die Füchsin, ergänzte sie auf Nachfrage. Aber lieber einfach nur Fuchs. Sie suchten meine Dienste als Heilerin. Fuchs war … anders. Ich konnte meinen Finger nicht darauf legen, aber meine Nackenhaare stellten sich auf. Drohte von ihr Gefahr? Sie sah aus wie eine junge Frau, aber mein Instinkt sagte mir, dass sie das nicht war. Die anderen waren auf den ersten Blick als elfisch zu erkennen. Keine Elfen aus Quenris, wo ich studiert hatte, aber Elfen immerhin. Doch Sirka war … kein Mensch. Kein Elf. „Eben Fuchs“, sagte sie, und mehr nicht. Ein Kristall wäre in ihrem Herzen. Ein Splitter weißen Kristalls. Er sei schon sehr lange darin, und sie wolle ihn heraushaben. Ob ich das bewerkstelligen könne.

Ich musste lachen. Ja, ich hatte nun schon viele Operationen gemeistert. Die meisten mit Hilfe von Hugo und Bärbel, etliche in der Universität zu Quenris, manche sogar auf dem Schlachtfeld … ich hatte in Herrn Konrads Kopf geblickt und den Weibel von den Toten zurückholen geholfen … aber was dieses Wesen von mir verlangte, war lachhaft. Eine Operation am offenen Herzen?

Der Splitter sei auf magischem Wege in ihr Herz gepflanzt worden, berichtete Fuchs. „Und jetzt muss er heraus“, sagte Tollkühn, ihre Begleiterin. Ich blickte von der einen zur anderen. „Wer von Euch beiden will das“, fragte ich. „Und warum soll der Kristall aus ihrem Herzen heraus? Du scheinst keine Schmerzen zu haben.“ Die Füchsin sieht zu Tollkühn hinüber. Ich wartete. Tollkühn ist es, die antwortet. „Der Kristall hindert sie, ihren freien Willen auszuüben“. Das verstehe ich. Der freie Wille ist die Grundlage all unseren Seins, darüber hat Herr Ramius viel gepredigt. „Zwingt er sie zu bösen Taten?“, frage ich. „Nein“, antwortet Fuchs. „Er zwingt mich, Gutes zu tun“. 

Ein Kristallsplitter im Herzen. Alte Sagen kommen mir in den Sinn. Er zwingt sie, GUTES zu tun. Und macht es einen Unterschied? Ich kann diese Operation ohnehin nicht durchführen.

„Ich bin nicht in meinem Lazarett oder der Universität. Ich habe nur wenig Werkzeug dabei“. Aber, so dachte ich, viel mehr als bei meiner letzten Reise nach Eiltawana … ich hatte mich schon gefragt, warum die Drachen mir diesmal so viel mitgegeben haben …

„Und solltet Ihr nicht jemanden mit magischer Begabung fragen, Euch zu helfen? Wenn der Kristall magisch hineingekommen ist, dann kommt er doch auch magisch wieder heraus“.

„Das geht nicht“, sagte Fuchs voller Überzeugung. „Wir alle hatten einen Kristall im Herzen. Alle Füchse. Alle, die so sind wie ich. Bei allen wurde versucht, ihn zu entfernen.“ – „Und?“ – „Sie sind alle gestorben“.

Wundervoll. Eine Operation am offenen Herzen, die noch kein Proband überlebt hatte. „Ich bin nur eine Handwerkerin“, gab ich zu bedenken. Mit Magie habe ich nichts am Hut“. Um so besser, fanden die drei.

Ihren freien Willen … wollte ich das tun? Wollte ich einen Fuchs befreien? Oder töten?

Ich willigte ein.

Sanfte, weiße Tücher wehten im Wind. Sirka trug ein weißes Hemd, lag auf einem weißen Tuch. Weiß – in meiner Heimat die Farbe des Todes. Birke und ich, begleitet von Herrn Konrad, näherten uns ihr vorsichtig. „Fuchs“, murmelte es in meinem Hinterkopf. „Raubtier“. Jetzt spielte es keine Rolle mehr. Ich fragte sie nach ihrem Namen, obwohl ich ihn bereits wusste, ein altes Ritual meiner elfischen Lehrmeisterin. „Es geht niemals um Dich. Es geht immer um die, denen Du helfen willst. Bevor Du beginnst, frag nach ihrem Namen.“ – „Sirka“, wiederhole ich. „Fuchs“. Ich gebe ihr etwas gegen die Schmerzen. Zwei halten sie fest. Eine von ihnen bündelt elfische Energie. Ich kenne das Ritual und weiß um seine Macht. Wenn sie überleben soll, dann nur so. Ich weise Birke an und vermisse meinen Weggefährten und fähigen Heilerfreund Hugo. Birkes Hand zittert, doch dann wird sie ruhiger. Sie wird durchhalten, das weiß ich. Sie hat einen eisernen Kern, unsere Birke. 

Ich setze den ersten Schnitt.

Konrad ging vors Zelt. Die Männer sehen ständig Blut. Aber zuzusehen, wie ich eine vermeintlich junge Frau aufschneide, durch die Brust bis zum Herz – das brauchte auch unser Leutnant nicht. Ich musste lächeln. Birke lächelte mit mir.

Ich sah das Blut nicht, das über meine Hände rann, das Tuch rot färbte, meine Hände, mein Gewand. Ich ging im Kopf die menschliche Anatomie entlang (Fuchs beteuerte, die sei bei ihr wie bei normalen Menschen, und ich hoffte, es stimmt). Eine ruhige Stimme lenkte mich. Eine der Elfen, die den Splitter in der Brust sehen kann. Es war Millimeterarbeit. Es kam mir vor wie Stunden, oder wie wenige Augenblicke – dann sah ich ihn. Von Gewebe umkapselt, wirkte er zunächst wie ein normales kaltes Stück Kristall. Doch er pulsierte. Er leuchtete. Kurz zögerte ich. Dann setzte ich die Klinge tiefer. Birkes Hände sind unverrückbar. Fuchs‘ Körper unter mir bäumte sich auf. Blut schoss heraus, mehr als es sollte, dann spürte ich, SAH ich, wie ihr Herz schwächer schlug. Hatte ich eine Ader getroffen? Nein, es ist der Splitter. Er … wehrte sich. Fast war es, als würde er heiß. 

Jetzt gab es kein Zurück mehr. Ich fasste den Splitter mit meinem Werkzeug und hebelte ihn heraus. Die Stimmen der elfischen Magie um mich herum schwollen an, wurden lauter und immer lauter, erhielten sie am Leben, obwohl das fast nicht möglich war. Ich warf den Splitter achtlos hinter mich, doch jemand fing ihn auf, denn jetzt musste ich nähen. Gesang, Magie, ein schwächer werdendes Herz. Während meine Hände genau wussten, was sie tun müssen, kreisten meine Gedanken darum, wie oft ich schon gesehen habe, dass Gebete und Magie halfen, die verwundeten am Leben zu erhalten. Wie sehr ich mich dagegen wehrte, das zu glauben. Wie oft ich dann selbst zu Herrn Tyr betete, wenn ich fürchte, jemanden zu verlieren. Wie sehr ich ihnen verbunden war, wenn ich sie gerettet hatte, jeder und jedem Einzelnen … wie oft sie mir in meinen Träumen begegneten, sie alle, die ich gerettet habe, als wären sie nun ein Teil von mir. Und dass ich das niemals jemandem werde erzählen können.

Dann war es getan. Fuchs lebt. Sie erwachte. Ich zog meine Hände beiseite. „Lasst sie!“ befahl ich, „Lasst Ihr Raum, berührt sie nicht!“ Mehr denn je hatte ich das Gefühl eines verletzten Raubtieres, keines Menschen. Der Leutnant zog sein Schwert … und auch Tollkühns und meine Hand halten plötzlich jede ihren Dolch. Fuchs zitterte und knurrte. Doch sie lebte, und sie war frei. Tollkühn streckte ihr die Hand hin wie einem verängstigen Tier. Und langsam ließ sich Fuchs in ihre Arme sinken.

Ich nickte. Langsam standen Birke und ich auf, wuschen unsere Gerätschaften. Dann begleitete der Leutnant uns ins Lager zurück.

Ich habe das Gefühl, dass auch Fuchs mir in meinen Träumen begegnen wird … wie all die anderen.

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